Der Sohn des Zauberers
abgelegt im Archiv Classic Cruising von Matt am 04.02.08

Weit weniger bekannt ist indes, dass auch Herreshoffs Sohn Lewis Francis berühmte - und schnelle - Yachten zeichnete. Die 22 Meter lange Tioga, im Auftrag eines Amerikaners auf der Lie Nielsen- und der Hinckley-Werft auf Kiel gelegt, gehört dazu.
Die Ketsch, ein Anderthalbmaster also, bei dem der größere Mast vorn steht und der hintere vor dem Ruder, ist ganz aus Holz gebaut, kein "gefrorener Rotz" also, als den Nat Herreshoff gern Boote aus Kunststoff bezeichnet hatte. Als Vorbild für die Tioga diente seinem Sohn Lewis Francis die 1933 bei den Britt Brothers in Lynn/ Massachusetts gebaute bounty
, heute im Besitz des erfolgreichen Seglers und Hanse-Yachts-Werftchef Michael Schmidt. Das Besondere an der Tioga: Der Kielschwerter ist ein Wolf im Schafspelz, oder besser: eine junge Frau im Oma-Kostüm. Denn erst 1988 wurde die Tioga auf Kiel gelegt, gebaut nach Originalplänen des Herreshoff-Sohnes.
Zwanzigjährig macht der Neubau unter den echten Klassikern dennoch eine gute Figur. Nur Eingeweihte wissen um das Alter der bei Regatten in der extra für Nachbauten eingerichteten, sogenannten Vintage Yacht Replica-Klasse startenden stolzen Yacht. "Ein Traum unter Segeln", sagt der Segelbegeisterte Peter Tess. Und kauft die Yacht 2005. Noch im selben Jahr begibt sich der in Bühl und St.Tropez lebende Segler auf einen Törn, an dessen Ende er in knapp vier Monaten mit seinem 20 Tonnen-Schiff 5.400 Seemeilen geloggt haben wird, etwa 1.500 Meilen im Monat. "Ein guter Schnitt" sagt Tess, als wir ihn letzten Sommer im Hafen von Mahon auf Menorca treffen, "besonders, wenn man bedenkt, dass wir teilweise wegen Starkwindes im Hafen bleiben mussten".
Auf dem von Extremen geprägten Törn bewährt sich die klassisch anmutende Yacht: Von Travemünde geht die Segelreise über Polen, Schweden, Finnland, Irland, Spanien, Portugal und Gibraltar ins Mittelmeer. Nie lässt das Boot die Crew im Stich, lässt sich auch mit kleiner Mannschaft leicht und sicher bedienen.
Wo die weiße Yacht mit den Edelholz-Aufbauten auch festmacht, überall sind ihr die Blicke der Liebhaber klassischer Linien sicher. Im Mittelmeer ist es auch, wo die wechselnde, achtköpfige Crew ihre ersten - und einzigen - schlechten Erfahrungen während des Törns machen muss: "In Marbella wurden wir ohne Grund in drei verschiedenen Häfen abgewiesen, in der Marina del Este in Almerimar verlangte der Hafenmeister eine überhöhte Hafengebühr, und er fordert zudem, dass wir einem Blanko-Haftungsverzicht mit Kreditkartenabbuchungsberechtigung zustimmen".
Das war dem anpackenden Tess zuviel: "Wir setzten Segel und steckten unseren Kurs Richtung Cartagena ab". Doch die positiven Momente überwiegen: Etwa der, als Ende Mai die beiden Herreshoff-Schwestern Bounty und Tioga am Yachtzentrum in Greifswald Seite an Seite im Hafenbecken schwoien. "Das war etwas ganz Besonderes", erinnert sich Tess, der jeden einzelnen Spant und jede Schraube an Bord kennt, an sein gerade beendetes Segelabenteuer; "das atmete Geschichte", so Tess, der erfolgreich FD, Lacustre, Vierteltonner, Dickschiff und sogar die schwer zu bändigenen, sehr sportlichen Liberas segelt, und mit der Sarnade sogar ein eigenes, überaus schnelles Fahrtenboot für regattaaffine Segler konstruiert hat.
"Der Riss der Original-Bounty mit seinem kühnen Klippersteven und seinem ausladenden achterlichen S-Spant hat viele Freunde. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick", schwärmt Tess. Und die Liebe bleibt nicht unerwidert, so scheint es, denn vordere Plätze bei Klassiker-Regatten sind sein süßer Lohn.
"Schwarz oder Weiß" frei nach dem Ausspruch des Vaters von Lewis Francis Herreshoff - für Klassiker-Fan Peter Tess stellt sich diese Frage nicht. Bei der Voiles de St.Tropez blähen sich die 160 Quadratmeter Segeltuch stolz im Wind, der weiße Rumpf reflektiert die hochstehende Mittagssonne und spiegelt das Boot im Mittelmeer.
Hunderte bewundernder Blicke folgen der Ketsch von der Steinmole aus. Nur wenige wissen, welch maritime Kostbarkeit da gerade an ihnen vorbeirauscht. Und, dass die Dame jünger ist, als sie vorgibt zu sein. Die staunenden Beobachter an Land winken der Crew auf dem Riss mit den harmonischen Linien zu. Und Peter Tess winkt zurück. Da ist er wieder. So ein Augenblick, der die Mühsal der Arbeit am Boot vergessen machen lässt. Für den der Segler lebt.
Dem Yachtkostrukteur Nat Herreshoff ist ein opulenter Bildband gewidmet, zu dem Franco Pace die Fotos lieferte. Auch die Yachten seines Sohnes Lewis Francis werden dort beschrieben. Info: www.delius-klasing.de.
Foto: © www.nass-press.de.
Permalink: Der Sohn des Zauberers
Tags:
tioga bounty herreshoff lewis francis nat nathaniel greene st.tropez greifswald hanse yachts schmidt
Trackback: http://www.creative-weblogging.com/cgi-bin/mt-tb.pl/112816


























