Hephaistos Rache: Der Berg lebt.
abgelegt im Archiv Charters World am 16.04.08

Wird er? Oder wird er nicht? - Die bange Frage begleitet jeden Skipper auf einem Törn entlang der Ostküste Siziliens von Anfang bis zum Ende: Der allgegenwärtige Ätna, massiger Vulkan mit den vielen Namen, wird er glühendheiße Lava ausspucken, wie zuletzt geschehen 1992, als der Lavastrom erst kurz vor dem Ort Zafferana Etnea zum Stehen kam? Oder 2001, als der "Mongibello" - Berg der Berge - Teile der Liftanlagen zerstörte, die zum ständig Schwefel atmenden Krater führen?
Kein Zweifel: Der Berg lebt. In diesem soll einst Hephaistos, griechischer Gott des Feuers und der Schmiedekunst, seine Werkstatt betrieben haben. Egal, die Yachten im Club Nautico von Catania liegen bereit zum Auslaufen. Der große Industriehafen am Golf von Catania, wie das Ionische Meer hier genannt wird, ist zwar keine Schönheit. Autos und eine Bahn lärmen ständig. Auch Duschen sucht die Crew vergeblich. Der Preis scheint dafür vergleichsweise hoch: 60 Euro kostet die Box für eine 50 Fuß lange Segelyacht pro Nacht.
Doch zum Einchecken scheint der Standort ideal. Dafür spricht zum einen der nahe Flughafen Fonanarossa. Fähren kommen aus Reggio Calabria und Malta, Busse und Züge aus Syrakus und Messina. Auch das Verproviantieren fällt leicht: Nur wenige Schritte sind es bis in die Stadt. Hier reihen sich urige Tante-Emma-Läden und mobile Straßenstände mit Käse, Brot, Wein, Gegrilltem und frischem Obst und Gemüse dicht an dicht. Wer früh aufsteht, wird belohnt: Der Fischmarkt bietet eindrucksvolle Meeresgeschöpfe aller Art und Größe. Doch vor Allem: Der Fisch kommt direkt aus dem Meer. Da wird selbst ein Schwertfisch-Carpaccio zum unbeschwerten Genuss.
Überhaupt wird die sizilianische Küche von Kennern als eine der besten Italiens gerühmt. Doch auch hier sind die Spuren des nahen Feuerkolosses allgegenwärtig. 1669 strömte Lava durch Catania, teilte sich beim Castello Ursino und füllte das gesamte alte Hafenbecken auf. Die Sizilianer machten aus der Not eine Tugend: Ganze Straßenzüge sind nun mit schwarzem Lavagestein gepflastert; Häuser wurden im Stile des "Lavabarock" wiedererrichtet. Etwa 30 Seemeilen südlich liegt Syrakus. Vorteil eines Frühlings-Törns: Der neue Yachthafen im Porto Grande am Fuße der Handelskammer hat zu dieser Jahreszeit noch viele freie Plätze. Den Luxus, einen ganzen Tag auf Ortiga, wie die 1600 Meter lange und nur 600 Meter breite Altstadtinsel von Syrakus genannt wird, zu verbringen, sollten sich Yachtreisende leisten.
Der Gang durch das teils mittelalterliche Zentrum lohnt. Nicht nur des hochprozentigen Avernas wegen, den man am besten nachmittags in einem Straßencafé am Lungomare Alfeo einnimmt. Die Aussicht aufs Wasser mit den ein- und auslaufenden Ausflugsschiffen und auf das nahe Castell Maniace ist gratis. Den besten Service für Yachtsportler gibt es indes in Riposto. Nur einen knappen Tagestörn von Syrakus in Richtung Norden entfernt, weist der Hafenmeister per Schlauchboot einlaufenden Yachten den Weg zu ihrem Liegeplatz. Und reicht dem Bugmann wie selbstverständlich die schwere, muschelbesetzte Muring-Leine.
Das ist üblich: Angelegt wird mit dem Heck zur Pier, auf dem Vorschiff werden die Murings belegt. Die Nutzung eines neuen und sauberen Sanitärgebäudes ist im Liegepreis enthalten. Auch das Café im Hafen ist neu. Es bietet leckeren Espresso und typisch italienische Backwaren. Selten kommt die Crew dem Ätna so nah wie hier. Der Berg ruft: Wer ihn erkunden will, kann sich mit einem Bus bis zur Schneegrenze fahren lassen. Wer ganz nach oben will, nutzt einen besonderen Service: Dann geht es mit einem Allradfahrzeug bis auf über 3000 Höhenmeter. Oder man läuft. Die letzten Meter sind ohnehin nur per pedes zu erklimmen.
Ein kundiger Bergführer sollte unbedingt dabei sein: Fast jedes Jahr fordert der Ätna Blutzoll, kommen leichtsinnige Alleinwanderer ums Leben. Bei klarem Wetter reicht der Blick vom Gipfel weit über die Ionische und die Thyrrenische Küste, nahezu ideales Segelrevier für vom deutschen Schmuddelwetter Geplagte. "Die Saison beginnt Ende April", sagt Taxifahrer Romano. Er fährt Yachturlauber, die ihre Leinen im nahem Hafen von Giordano Naxos gleich nördlich von Riposto festgemacht haben, nach Taormina.
Vom griechischen Freilichttheater wandert der Blick auf die weit unten im Hafenbecken schwojenden Yachten. Die Schwimmstege sind noch nicht ausgebracht. Richtig, es ist ja noch Vorsaison. So müssen Skipper den Buganker ausbringen und mit dem Heck an der alten Betonmole festmachen. Das ist nicht ganz ungefährlich: Das Becken ist teilweise flach. Mitten im Hafen liegt zudem knapp unter der Wasseroberfläche ein Wrack. Kreuz und quer verlaufende Leinen der Fischerboote machen das Anlegen zur Geduldsprobe. Und wer Pech hat, "fängt" beim Ankeraufgehen mit der Kette ein altes, rostiges Geschirr.
Doch die Mühe des Anlegens lohnt: Taormina ist in der Vorsaison menschenleer. Trotzdem wärmt die Sonne schon, zaubert schnell eine angenehme Bräne auf die Haut, und haben zahllose Straßencafés ihre Stühle vor die Türen gestellt. Espresso? Si, grazie. Und über allem thront auch hier der "Berg der Berge", 500.000 Jahre alt, äußerst aktiv und bei jedem Ausbruch um ein paar Meter wachsend. Wird er? Oder wird er nicht? - Wir halten es wie die Einwohner: Die besitzen den unbedingten Willen zur Normalität, gepaart mit dem Vertrauen auf höhere Mächte. Wie sonst ist es zu erklären, dass die Hänge des unberechenbaren Nachbarn Ätna so dicht besiedelt sind?
Einen geführten Frühjahrs-Flottillentörn entlang der Ostküste Siziliens bietet etwa KH+P-Yachtcharter, www.khp-yachtcharter.de. Nautischer Reiseführer: Küstenhandbuch Italien mit Sizilien von Rod Heikell, Edition Maritim, www.delius-klasing.de).
Foto (c) www.muencheberg-media.com.

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Tags: segeln segelboot yacht ostküste sizilien riposto taormina giardini naxos catania katania syrakus si
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