Nach der Saison ist vor der Saison: Fahrtenbericht eines Berliner Folkeboot- Seglers
abgelegt im Archiv Binnen Törns von Matt am 20.12.06

Ich bin noch nie ein Frühaufsteher gewesen. Wenn's sich vermeiden ließ, fing der Tag halt später an und folglich hörte er dann auch später auf.
Ob sich das nun mit der Segelsaison vergleichen lässt, ich weiß es nicht.
Ich weiß nur eins, unsere "Svea" ist mal wieder sehr spät ins Wasser gekommen. Dieses Jahr, letztes Jahr und das Jahr davor.
Der Flautenschieber funktionierte nach zwei Jahren defektsein endlich wieder und ließ uns, vorneweg gesagt, die ganze Saison nicht im Stich.
Als einziges Boot, außer einem Fischer, überquerten wir den Saaler- und die restlichen Bodden, bis zur Meiningenbrücke, bei Zingst.
Leider immer noch kein Wind, aber dafür massig Mücken.
Ziemlich zwei Stunden zu früh, dort angekommen, stellten wir dann zur geöffneten Drehbrücke fest, dass sie eine Stunde früher als überall ausgeschrieben, die Fahrt frei gab. Jedes Jahr hatten wir Probleme mit der Öffnungszeit dieser Brücke. Ich glaube eine richtige Festlegung gibt es da wohl nicht. Empfehlung ist, kurz vorher, sprich einen Tag davor telefonisch herauszubekommen wie die Brückenwärter und vor allem wann, sie ihre Arbeit verrichten.
Was soll's, unerwartet hatten wir nun eine Stunde gewonnen und zu allem Glück, kam auch ein leiser Hauch von Wind auf. So segelten wir bis in die Dämmerung nach Barth.
Die Boddengewässer sind mit ihren stetigen Untiefen und unserem Folketiefgang, nicht zu unterschätzen und wenn man dieses Revier nicht gut kennt, sollte man eine Nachtsegelei dort vermeiden.
An barhöft
vorbei gedümpelt, bei nun leicht sich kräuselnder See, die Segel gesetzt und ab dafür, ohne lästigen Lärm. Nachmittags machten wir dann im Stadthafen von Stralsund fest, unweit der originalen und ersten "Gorch Fock". Man kann sogar noch in russischen Lettern, überstrichen zwar, den Namen "Towarisch" erkennen. Sie war nur ein Teil der Reparationen welche die Deutschen nach diesem schrecklichen Krieg, an die Russen leisten mussten. Heute wiederum, konnten die Russen sich dieses riesige Segelschiff nicht mehr leisten und gaben es wieder an Deutschland zurück. Zu welchem Preis, das weiß nur der Fuchs. Die Deutschen damals, versenkten dieses "Segelboot" im Strelasund, nur die Masten waren da noch zu sehen. Das hinderte die Russen nicht, sich dieses herrliche Souvenir mit nach Hause zu nehmen. Jetzt heißt das Vollschiff ja Gorch Fock I, weil es da ja noch eines gibt und kann täglich besichtigt werden. Ob damit das Geld zusammen kommt, es wieder vollends zu restaurieren, wage ich zu bezweifeln, aber man weiß ja nie.Die Ziegelgrabenbrücke, Verbindung für Straße und Bahn zur Insel Rügen, war dann ein weiteres Hindernis. Aber die Öffnungszeiten dort stimmten wenigstens immer. Bis auf die Zeit um 21:20Uhr, welche der Wärter den ganzen Sommer über ignorierte, weiß uns eine einheimische Seglerquelle zu berichten. Also 17:20 Uhr hindurch und sofort Segel gesetzt. Es hat gegen Abend ein wenig aufgefrischt, obwohl es doch abends meist abflaut.
So hatten wir bis zur Dämmerung doch noch einen schönen Törn. Eingelaufen sind wir dann bei völliger Dunkelheit in Stahlbrode.
Kaum aus dem Hafen ausgelaufen, hörte ich mein Besatzungsmitglied staunen, "Mensch, das geht aber ab, mit solch Segelboot. Als wir dann aber den Greifswalder Bodden erreichten, wurden nicht nur Wind und Welle stärker, sondern auch der Respekt, von Robert, um ihn dann auch beim Namen zu nennen. Er nahm Vorbildlicherweise die Schwimmweste und klinkte auch den Lifebelt ein.
Robert wunderte sich über meine Ruhe, wie ich so sorglos auf der Querducht im Cockpit an der Pinne saß. Dazu kann ich nur sagen, dass es wohl maximal ne Fünf, in Böen Sechs war, Folkeboot- Segler wissen was ich meine. Es war die pure Segelei und ich empfand in keinsterweise irgend eine Gefahr, der wir uns aussetzten.
So segelten wir noch eine ganze Weile, um dann in Greifswald einzulaufen. Ziel war der Stadt- oder Museumshafen. Dort hatte sich eine uraltes Fahrgastschiff vertäut. Auf diesem Dampfer, so ist uns zu Ohren gekommen, hat sich "Raffi" mit seiner "Hornfischbar" aus Lauterbach, eingenistet. Den wollten wir doch unbedingt besuchen. Auch die Wiecker Klappbrücke, übrigens eine sehr alte noch traditionell von Hand bewegte Brücke, öffnete pünktlich.
Durch die Ryck, welche Greifswald Wieck mit Greifswald verbindet, sind wir dann motort.
Wir vertäuten den Kahn im alten Holzteichhafen, wo man sehr geschützt und idyllisch liegt, bei jedem Wetter.
Ziel unseres nun folgenden Törns, ist vorerst Altefähr, von wo aus morgen wieder mal die alljährliche Geschwaderfahrt starten soll, welche jedes Mal von Martin Ziegler, aufs Neue ins Leben gerufen wird. Proviant, Bier, Wasser und Leckerlis sind gebunkert und ab dafür.
Die Polster entfernten wir auch aus dem Boot, dafür hatten wir unsere selbstaufblasbaren Isomatten dabei. Wenn jetzt die Polster nass würden, hätten wir sicherlich Schwierigkeiten, diese wieder zu trocknen. Der warme Sommer ist vorbei, die Nächte schon kühler.
Mittlerweile auf den Greifswalder Bodden, kommt unvermeidbar immer wieder etwas Gischt Innenbords. Nicht so schlimm, alles ist wasserfest verstaut, außerdem fahren wir mit raumen Wind. Angesagte 5Bft., können wir bestätigen, auch die vorgewarnten Böen in etwas höherer Zahl der Beaufortskala. Um uns und das Boot nicht zu schinden, banden wir schon in Greifswald ein Reff ins Großsegel, welches wir dann im Strelasund entfernten, denn die Landabdeckungen, ließen es weniger heftig wehen.
An der Ziegelgrabenbrücke angekommen, mussten wir selber feststellen, was ich schon im ersten Artikel erwähnte. Die 21:20 Uhr Öffnungszeit, gab es nicht. Schade, wir waren nämlich eingeladen und sollten per Shuttle- Bus abgeholt werden. So mussten wir jetzt erst einmal nach einem Liegeplatz Ausschau halten.
Die Dänholmer Yachthafeneinfahrt, war nicht beleuchtet, auch nicht betonnt und Backbord- wie auch Steuerbordseitig soll es sehr flach sein, was auf der Karte auch ersichtlich war.
Es war dunkel und die Einfahrt noch nie genommen, also schlichen wir uns, verbotenerweise, in einen Stichkanal, an die Bundespolizei vorbei und fanden ein nicht gerade gemütliches, aber sicheres Plätzchen, genau gegenüber des o.g. Yachthafens. Ein Brückchen war aber noch dazwischen.
Nach dem Frühstück, war immer noch keine Einigung gefunden, wohin es eigentlich gehen soll. Kloster, Zingst und Darßer Ort waren im Gespräch, mir wäre Seedorf am liebsten gewesen. Dieser -noch- idyllische Ort auf Rügen, boddenseitig, war schon bald gar nicht mehr im Gespräch.
So einigte man sich darauf, wer zuerst am Gellen (Hiddensee), an der dortigen grüne Tonne 31/B1 ist, kann bestimmen. Unsere ungünstige Startposition, bescherte uns das Schlusslicht, was wir auch locker verteidigten, Seedorf war ja nicht mehr im Gespräch.
Alsbaldiger "Grundstückskauf" zweier Unglücklicher, ließ uns unsere Position nicht mehr halten. Ein Dritter saß auch kurz auf, kam aber wieder frei. So waren es drei, die wir hinter uns ließen. Nur noch drei vor uns, denn das Geschwader zählte dieses Jahr nur sieben Teilnehmer. Wir wissen nicht, wer das erste Folke war, an besagter Tonne, ich glaube Martin Ziegler selbst, oder?
Der Rückstand der immer noch festsitzenden Boote, ließ uns um die Tonne einige Kringel fahren, was mir rein gar nicht gefiel. Saß ich vor etlichen Jahren schon einmal mit Steffen hier auf, damals noch mit WIEBKE- FG-121, und Steffen später noch mal mit SVEA.
So sollte es diesmal wieder kommen, ein Ausweicher, die Fock klemmte und schwupp mit Brass auf das immer noch nicht bezahlte Grundstück.
Das Folkegeschwader war nun wieder vollzählig und harrte der Dinge. Wir wollten die diesjährige Geschwaderfahrt nicht vermiesen und schickten sie weiter, wir werden schon irgendwie hier herunterkommen. Den Motorboothelfer baten wir auch, sich erst einmal aufzuwärmen, nachdem er seine Schraube wieder frei hatte.
Das Großfall schien fast zu bersten, das Wasser, schien lief fast ins Cockpit. "Hey, wir bewegen uns".
Es gab noch einen kleinen Rums, ich dachte das Fall sein gebrochen, nix dergleichen, kurze Zeit später waren wir frei. Welch erhabenes Gefühl.
In der Hoffnung, dass alle Geschwaderfahrtsegler ein sicheres Plätzchen ergattern, bewegten wir uns ins einzigste Restaurant, im Hafen von Barhöft, den ehemaligen Marinestützpunkt der Volksmarine, der ehemaligen DDR.
Ein Fischer im Hafen berichtete, das es noch mächtig pfeifen wird auf See, heut und in der Nacht. Er meinte auch, dass es ziemlich waghalsig ist jetzt da draußen zu segeln. Wir dachten sofort an Martin und den Rest des Geschwaders. Wie haben die sich nun entschieden.
Klar Schiff und raus hier, in Richtung Greifswalder Bodden. Der Wind stand günstig, wehte aber mächtig stark. Es pfiff in den Wanten. Ne sieben bis acht, in Böen neun waren angesagt, ich denke, es war eher ne sechs. Um das Rigg und uns zu schonen, begnügten wir uns mit der Fock, welche uns, bei raumem Wind, gute 6 Knots voran trieb. Reicht doch oder? Die Sonne kam dann und wann einmal hervor und da wir mit dem Wind segelten, wurde uns dann sogar noch warm, was will man mehr. Das Barometer steigt. Sehr schnell waren wir dann in Stralsund. Je ein Fischbrötchen, mit fangfrischem geräuchertem Fisch, war der Lohn, des Törns.
Nach einiger Zeit, sahen wir ein hölzernes Folkeboot in den Stadthafen einlaufen und erkannten auch, dass es eines von denen war, welche an der Geschwaderfahrt teilnahm.
Nach dem Festmachen löcherten wir die Crew mit ungeklärten Fragen. Drei Boote sind vom Seenotrettungsdienst geborgen worden, die anderen drei sind ohne Zwischenfälle um Hiddensee gesegelt. Sie waren eines von den Booten, welche geborgen wurden. Der Poller vorne am Bug, war ganz verdreht, der Kahn war voller Wasser, die Männer klitsch nass. Nun da hatten wir's doch gemütlicher auf dieser verdammten Sandbank.
Schon kurz vor Einfahrt in den Ryck, machte sich in unseren Gesichtern Wehmut breit. Ein paar Augenblicke noch und der Alltag hat uns wieder.
Die Klappbrücke genommen, ließen wir es uns nicht nehmen, durch den Ryck bis zum Greifswalder Museumshafen unter Tuch zu fahren. Die Stege hatten sich schon sichtbar geleert und in sämtlichen Vereinen oder Marinas, sah man die Slipanlagen in Hochbetrieb.
Übrigens: Für uns Folkies ist die Saison lange noch nicht beendet: Unser nächster Törn startet zu Weihnachten. Dann geht's Richtung Bornholm. Und ob SVEA danach schon eingewintert wird: Mal sehn...
Infos im Netz: www.folkeboot-berlin.de
Text und Foto: © Silvio Weiß
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