Segeln
Nostalgischer Saisonstart: Mit dem Autoboot unterwegs auf dem Bodensee
abgelegt im Archiv Classic Cruising von Matt am 11.04.07
Nostalgischer Saisonstart: Mit dem Autoboot unterwegs auf dem Bodensee
Ein kräftiges Röhren ertönt, als Christof Martin den Zündschlüssel in die Startposition seines offenen Autobootes dreht und den Anlasserknopf betätigt, das Mahagoni-Schmuckstück rüttelt sich kurz, hustet, verschluckt sich, dann herrscht Ruhe.

Zweiter Versuch. Der 45jährige Martin bleibt ruhig, er zieht den mechanischen Choque, die Luftklappe des Vergasers schließt, er startet das Marineaggregat erneut und erhöht in ausgekuppeltem Zustand die Leerlaufdrehzahl. Das Boot: "Mausi", ein sogenanntes "Caddy-Boot" (der steil aufragenden Heckflossen wegen, entlehnt von amerikanischen Straßenkreuzern) vom Typ Diana 550, entwickelt als Außenbord-Version 1958 und gebaut drei Jahre später mit Innenborder von arno Bell in Runkel an der Lahn.

Der Motor: Ein 46 Jahre alter Volvo Penta AQ 80, Baunummer 430, arbeitet bis heute zuverlässig unterm mahagonigedeckten, hochglanzlackierten Heck des schwimmenden Cabrios. AQ steht dabei für "Aquamatic", ein Antrieb, der sich heute in vielen Powerbooten wiederfindet und der entwickelt wurde, um erstmals den Innenbordmotor mit den Vorteilen des Außenborders zu kombinieren.

Auch für unsere "Mausi" sollte sich der Einbai dieses Antriebssystems als vorteilhaft erweisen, wie sich bei einer ersten Saison-Ausfahrt auf dem Bodensee zeigen sollte. Als der 1,6 Liter Vierzylinder-Viertakter die Betriebstemperatur erreicht hat, der Choque steht auf Nullposition und das Standgas läuft bei 750 Umdrehungen pro Minute, starten wir von einem kleinen Hafen südöstlich Lindaus auf den von der warmen Ostersonne sattgrün gefärbten Bodensee.

300 Meter trennen uns bereits vom Ufer, da legt Eigner Christof Martin den "Hebel auf den Tisch". Das Röhren des Motors verwandelt sich bei nun 4000 Umdrehungen abrupt in ein Brüllen. Schnell treiben uns 80 Pferdestärken auf bis zu 50 Kilometer pro Stunde, der Rumpf des Vollgleiters wirft Gischtfontänen zu beiden Seiten auf, in denen bunte Regenbogen spielen - Ja, Augenblicke wie diese sind es, für die sich Dutzende von winterlichen Arbeitsstunden lohnen.

Im Hafenbecken von Lindau, umrahmt von markantem Leuchtturm und bajuwarischem Löwen, manövriert uns Martin geschickt an einen der zu dieser Zeit noch zahlreichen freien Anleger. Vorwärts, rückwärts, vorwärts, rückwärts - geschafft. Zahlreiche Schaulustige rümpfen die Nase: Denn, jedes Mal, wenn der aus Limburg an der Lahn stammende Martin ein- oder auskuppelt, kracht es gehörig an Bord, und ein deutlich spürbarer Ruck geht durchs Boot. "Das Getriebe lässt grüßen", denken die Spaziergänger. Was jedoch nur Insider wissen können: Der AQ 80, gebaut von 1958 bis 1963, verfügte noch nicht über die erst später beim AQ 80 "S" eingebaute Konus-Schaltung - so erklärt sich das laute Geräusch der aufeinander stoßenden Getriebezähne beim Schalten.

Zum Abschluss unseres Frühlings-Törns wollen wir die Straßenbrücke gleich östlich Lindaus unterqueren. Da passiert es: Ein Ruck geht durchs Boot; ein kurzes, scharfes metallisches Knirschen von achtern signalisiert: Grundberührung! Christof Martin reagiert sofort. Er drosselt die Fahrt, steuert tieferes Wasser an. Wo sonst gefahrlos eine Untiefe passiert werden kann, ist - durch niedrigen Wasserstand aufgrund geringer Schneeschmelze in den Bergen - ein tückisches Flach entstanden. Ein unruhiger Lauf des Propellers, verbunden mit einem erhöhten Geräuschpegel, deutet unmissverständlich darauf hin, dass der Landkauf nicht ohne Folgen geblieben ist.

Vorsichtig kann unsere "Mausi" aus eigener Kraft den Heimathafen anlaufen. Nach dem Aufslippen zeigt sich schnell das ganze Ausmaß des Schadens: Der Scherstift hat den Propeller zwar noch auf der Welle halten können, dieser ist jedoch gleich an mehreren Stellen ein gerissen. "Kein Problem" gibt sich Bootsbau-Meister Martin gelassen, der Prop könne leicht repariert oder ersetzt werden, wichtig sei, dass der Antrieb noch in Ordnung ist. Eine Überprüfung ergibt: Die Welle ist unbeschadet. Die Eigenschaft, dass der Z-Antrieb problemlos nach oben geklappt werden kann, zahlte sich auch bei unserer Grundberührung aus: Als dieser auf den Stein stieß, klappte er automatisch für kurze Zeit nach oben.

Spektakulär getestet wurde das "Über-Stock-und-Stein-Fahren" mit einem Aquamatik übrigens schon einmal: In den späten Sechzigern steuerte ein Testfahrer in Sarasota/ Florida mit 30 Knoten Geschwindigkeit auf einen Strand zu; er flog 18 Meter weit über Land, bevor das Boot unsanft aufsetzte. Motor und Getriebe arbeiteten nach der Landung angeblich weiterhin störungsfrei.

Nicht auszudenken, was unserem Schiffchen passiert wäre, hätte eine starre Welle statt des beweglichen Z-Antriebs das Unterwasserhindernis getroffen. Eine deformierte und damit komplett unbrauchbare Antriebswellen-Anlage wäre unweigerlich die Folge gewesen. Glück im Unglück also für uns Autoboot-Piloten. Nichts passiert. Dank Aquamatik.

Info zu Boot und Motor: www.hoeckle-volvo-penta.de.

Foto: © www.nass-press.de.



Ähnliche Einträge:

Permalink: Nostalgischer Saisonstart: Mit dem Autoboot unterwegs auf dem Bodensee
Tags: hoeckle  volvo  penta  aq  80  autoboot  caddy  boot  diana  550  bodensee  lindau  untiefe  antrieb  schraube 
Trackback: http://publish.creative-weblogging.com/publish/mt-tb.pl/62901
img del.icio.us img Readster img Lycos img Alltagz img Folkd Add this page to Mister Wong Wong img Wikio img Newstube img DIGG

Stimmen Sie ab für Nostalgischer Saisonstart: Mit dem Autoboot unterwegs auf dem Bodensee:

  • Currently 5.75/10
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Dieser Eintrag wurde mit: 5.75 Punkten (von 4 Stimme(n) insg.) bewertet.
 
Abonnieren
Share It
Möchten Sie gern einen neuen, interaktiven Marketingkanal für Ihr Unternehmen haben? Erfahren Sie mehr über Sponsored Blogs mit Creative Weblogging. Sehen Sie wie man Sponsored Blogs erfolgreich einsetzt.
RSSrss
Alle Abonnements sehen
Google google
Was ist RSS?
Yahoo! yahoo
MEIN MSN MSN
Bloglines Bloglines
Newsletter

TwitterFollowen Sie uns bei Twitter!