Schwarz oder weiß
abgelegt im Archiv Classic Cruising von Matt am 25.01.08

Herreshoff (1848 bis 1938) gilt bis heute als bedeutendster Yachtkonstrukteur. Der Sohn deutscher Einwanderer dominierte mit seinen Zeichnungen ein knappes Jahrhundert America`s Cup-Geschichte. Auf seiner Werft in Bristol auf Rhode Island entstanden viele schnelle Yachten mit besonders harmonischen Designs, die technisch ihrer Zeit weit voraus waren. Nicht zuletzt deshalb gilt er als der "Zauberer aus Bristol". Viele seiner Yachten segeln noch heute restauriert in der ganzen Welt. Sein Sohn Lewis Francis setzte die Bootsbautradition seines Vaters fort - mit der Tioga.
Peter Tess ist segelbesessen, gut - aber ein Narr, das ist der in Bühl und St.Tropez lebende Wassersportler mit Sicherheit nicht: Weiß sollte er erstrahlen, sein in Holz gegossener Traum. Wie sonst? Und weiß wurde das, was 1988 in seinem Auftrag auf der Hinckley-Werft auf Kiel gelegt wurde: die Tioga. Eine Ketsch, ein Anderthalbmaster also, bei dem der größere Mast vorn steht und der hintere vor dem Ruder.
Das besondere an dem 22 Meter langen Kielschwerter: Er ist aus Holz gebaut, kein "gefrorener Rotz" also, als den Herreshoff gern Boote aus Kunststoff bezeichnet hatte. Als Vorbild für die Tioga diente die 1933 bei den Britt Brothers in Lynn/ Massachusetts gebaute Bounty, heute im Besitz von Hanse-Yachts-Werftchef Michael Schmidt. Herreshoffs Sohn Lewis Francis zeichnete den Riss des bootes
. 75 Jahre später begibt sich Peter Tess auf einen Törn, an dessen Ende er in nur fünf Monaten mit seinem 20 Tonnen-Schiff über 5.000 Seemeilen geloggt haben wird, 1.000 Meilen im Monat. "Ein guter Schnitt" sagt Tess, "besonders, wenn man bedenkt, dass wir teilweise wegen Starkwindes im Hafen bleiben mussten". Auf dem von Extremen geprägten Törn bewährt sich die klassisch anmutende Yacht: Von Travemünde geht die Segelreise über Polen, Schweden, Finnland, Irland, Spanien, Portugal und Gibraltar ins Mittelmeer.
Dort macht die wechselnde, achtköpfige Crew ihre ersten - und einzigen - schlechten Erfahrungen während des Törns: "In Marbella wurden wir ohne Grund in drei verschiedenen Häfen abgewiesen, in der Marina del Este in Almerimar verlangte der Hafenmeister eine überhöhte Hafengebühr, und er fordert zudem, dass wir einem Blanko-Haftungsverzicht mit Kreditkartenabbuchungsberechtigung zustimmen". Das war dem anpackenden Tess zuviel: "Wir setzten Segel und steckten unseren Kurs Richtung Cartagena ab".
Doch die positiven Momente überwiegen: Etwa der, als Ende Mai die beiden Herreshoff-Schwestern Bounty und Tioga am Yachtzentrum in Greifswald Seite an Seite im Hafenbecken schwoien. "Das war etwas ganz Besonderes", erinnert sich Tess, der jeden einzelnen Spant und jede Schraube an Bord kennt, an sein gerade beendetes Segelabenteuer; "das atmete Geschichte".
Warum aber fiel seine Wahl ausgerechnet auf Herreshoff? Hätte es nicht auch eine andere hölzerne Segelyacht sein können, der Tess neues Leben einhaucht? "Wer sich für klassische Yachten interessiert, stößt schnell auf den bekannten Yachtkonstrukteur Nat Herreshoff", sagt Peter Tess, der vorher selbst erfolgreich im Starboot gesegelt ist, und mit der Sarnade sogar ein eigenes, überaus schnelles Fahrtenboot für regattaaffine Segler konstruiert hat.
"Der Riss der Original-Bounty mit seinem kühnen Klippersteven und seinem ausladenden achterlichen S-Spant hat viele Freunde. Bei mir war es Liebe auf den ersten Blick", schwärmt Tess. Und die Liebe bleibt nicht unerwidert, so scheint es, denn vordere Plätze bei Klassiker-Regatten sind sein süßer Lohn.
"Schwarz oder Weiß" - für Klassiker-Fan Peter Tess stellt sich diese Frage nicht. Bei der Voiles de St.Tropez blähen sich die 160 Quadratmeter Segeltuch stolz im Wind, der weiße Rumpf reflektiert die hochstehende Mittagssonne und spiegelt das Boot im Mittelmeer. Hunderte bewundernder Blicke folgen der Ketsch von der Steinmole aus.
Nur wenige wissen, welch maritime Kostbarkeit da gerade an ihnen vorbeirauscht. Die es wissen, winken der Crew auf dem Herreshoff-Riss zu. Und Peter Tess winkt zurück. Da ist er wieder. So ein Augenblick, der die Mühsal der Arbeit am Boot vergessen machen lässt. Für den der Segler lebt.
Info Les Voiles de St.Tropez: www.snst.org.
Foto : Die Tioga vor St.Tropez © nass-press.
Permalink: Schwarz oder weiß
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herreshoff tioga bounty st.tropez
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