Sonderklasse-Tigra: Segeln ist erotisch
abgelegt im Archiv Classic Cruising von Matt am 15.03.07

In der Klassiker-Szene fast noch bekannter als sie selbst ist ihre 9,40 Meter über Alles lange Sonderklasse-Yacht, baujahr
1903, Segelzeichen S 77. Dass es sich bei der "Tigra" um die ex "Benjamin", ein vom bekannten deutschen Yachtkonstrukteur Max Oertz gezeichnetes Boot handelt, war ihr lange unklar. Dass es dann doch ein "Sonderling" war, den die freie Germanistin im September 1991 für wenig Geld kaufte, kam so: Jutta Boergers suchte vor 16 Jahren eine Steilgaffel für ihre Wanderjolle. Ihre Suche führt sie auf das Gelände eines Bootshauses an der Zeuthener Seestraße. Dort findet sie zwar nicht die gesuchte Spiere, dafür fällt der anpackenden Frau der langgestreckte Rumpf einer aufgepallten, halbverhüllten Yacht in die Augen. "Die bestechend schönen Linien machten das Boot auf der Stelle zum Objekt der Begierde", sagt Jutta Boergers. Das ist es wohl, zumindest auch, was einen "Klassiker" ausmacht. Schnell ist der Eigner ausfindig gemacht, ist sie sich mit dem Verkäufer über den Preis einig. Boergers tauft das Boot mit den ausverschämt weiten Überhängen auf den Namen "Tigra". Das ist die weibliche Form des Tigers, ihrem Wappentier, "Symbol für Schnelligkeit und Eleganz", sagt sie. Erst die Entdeckung eines hölzernen Halbmodells beim Akademischen Seglerverein in Berlin bringt Gewissheit: Ihr Boot ist die ex "Benjamin", eine Sonderklasse! Nun besteht kein Zweifel mehr. Es ist neben den harmonisch strakenden Linien vor allem die interessante Geschichte der Sonderklassen, welche der Konstruktionsklasse viele Fans weltweit beschert. Konstruktionsklasse bedeutet dabei, dass bestimmte Parameter wie die Summe aus Länge, Breite und Tiefgang nebst vermessener Segelfläche bei den "Sonderlingen" festgeschrieben sind. Diese Regelung, verbunden mit der Bedingung, dass alle Yachten leicht mit der Bahn transportiert werden können sollten, trug dazu bei, dass die Sonderklassen in den Jahren von 1899 bis in die Zwanziger Jahre hinein zu den fortschrittlichsten Rennklassen überhaupt zählten.
Auch die "Tigra" nimmt unter ihrer neuen Skipperin fortan wieder an Regatten teil: Bevorzugt sind es Klassiker-Wettfahrten im Berliner und im brandenburgischen Raum, bei denen sie Seit an Seite mit Jollenkreuzern, H-Jollen und Piraten um vordere Plätze kämpft. Am liebsten segelt Boergers, die Segeln nach eigener Aussage "erotisch" findet, "es ist eine raffinierte Art der Fortbewegung", sagt sie, auf dem Scharmützelsee gleich südlich vor den Toren Berlins, idealerweise mit guten Freunden, ein wenig Proviant, drei Windstärken und Sonne. Immer mit von der Partie ist Boergers Freund Götz Gaertner, mit dem sie sich auch die Schleif- und Lackierarbeiten im Winterhalbjahr teilt. "In diesem Jahr steht die "Havel Klassik" und der "Classic-Cup" auf meinem Wettfahrt-Programm", sagt Boergers, die, um auf dem Wasserweg zu den Orten der Regatten zu gelangen, einen kleinen Flautenschieber ans schlanke Heck ihrer Yacht baut. Gern würde sie auch am "Rendezvous der Klassiker" anlässlich der diesjährigen Kieler Woche teilnehmen, denn in diesem Jahr stehen auf Innen- und Außenförde sowie vor dem alten Olympiahafen ihre Sonderklassen im Mittelpunkt. Wenn sie es schaffe, rechtzeitig die - nichtoriginale - Hochtakelung ihres schlanken Schiffes gegen eine traditionell korrekte Gaffeltakelung auszutauschen, sei sie mit ihrer "Tigra" dabei, sagt Boergers, "sonst feiere ich das Sonderklassen-Fest in Kiel eben ohne Schiff".
Fest steht indes schon jetzt, dass das Treffen der "Kaiseryachten" ein rauschendes Fest für die Sinne zu werden verspricht, bei dem sich der Betrachter leicht in eine Zeit des klassischen Yachtbootbaus zurückversetzt fühlen kann, eine Zeit, in der es noch ausschließlich "Herrenseglern" vorbehalten war, diese außergewöhnlichen Zeugnisse maritimer Kulturgeschichte an Pinne und Schot zum Regattasieg zu führen.
Info "Klassiker-Rendezvous" zur Kieler Woche vom 15. bis 17. Juni 2007: Freitag ab 19 Uhr Get together beim British Kiel Yacht Club, Sonnabend 9 Uhr Steuermannsbesprechung, 11 Uhr Start der Regatta um den "Kiel Classic Cup" auf historischen Bahnen der Kieler Innen- und Außenförde, anschließend Stelldichein für die schwimmenden Oldtimer im alten Olympiahafen vor dem Kieler Yacht Club, danach Siegerehrung mit Programm. Am Sonntag sind zwischen 9 und 12 Uhr Kurzwettfahrten der Sonderklasse vor dem Olympiahafen geplant.
Das komplette Programm im Netz: www.klassiker-rendezvous.de.
Info Sonderklasse: Die Sonderklasse, in verschiedenen Ländern nach einheitlicher Formel gebaut und gesegelt, wurde bereits 1899 anlässlich der Kieler Woche ins Leben gerufen. Neben namhaften ausländischen Konstrukteuren zeichneten in Deutschland unter anderen Max Oertz, Willy v.Hacht, Reinhard Dewitz und Henry Rasmussen die Risse. Kennzeichnend für Sonderklassen war, dass die Summe aus der Länge des Bootes, aus Breite und Tiefgang nicht mehr als 9,75 Meter ergeben durfte. Die Segelfläche war auf 51 Quadratmeter begrenzt. Außerdem mussten die mindestens 1,83 Tonnen wiegenden Yachten so gebaut sein, dass sie per Eisenbahn an jeden Ort transportiert werden konnten, so sollten Regattateilnahmen in ganz Deutschland ermöglicht werden. "Bezahlte Hände" waren bei der Sonderklasse verboten. Grund: Die Yachten sollten den Adligen und Reichen vorbehalten bleiben. Kaiser Wilhelm II. ließ drei "Sonderlinge" - wie die schnittigen Boote auch genannt wurden - bauen. Gesegelt wurden sie von Offizieren des kaiserlichen Potsdamer Garderegiments. Bis 1920 wurden in Deutschland 230 Sonderklassen auf Kiel gelegt, 33 von ihnen sind heute im Yachtsportarchiv des Freundeskreises Klassische Yachten erfasst.
(Weitere Informationen im Internet: www.yachtsportarchiv.de.
Foto: © www.nass-press.de.
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