Segeln
Vor 20 Jahren: Über die Mauer gesegelt
abgelegt im Archiv Segelsport von Matt am 20.02.07
Vor 20 Jahren: Über die Mauer gesegelt
Weiße Gischt klatscht auf den naturlackierten Zedernrumpf der Olympiajolle mit dem Segelzeichen 122, netzt Hände und Gesicht des 57jährigen Skippers Lutz Rackow mit sommerwarmem Seewasser, als sie von ihm bei vier Windstärken auf dem tschechischen Machasee hart am Wind Richtung Luvtonne getrieben wird. Vorwärts, nur vorwärts, gilt es doch, 50 weitere Teilnehmer der inoffiziellen internationalen Regatta in der damaligen CSSR möglichst im Kielwasser des schlanken Schreiber- Risses aus dem Baujahr 1963 zu lassen. Der Bootsname "Alpha" ist dabei Programm: Unter die ersten Zehn will der passionierte Regattasegler aus dem im Südosten Berlins gelegenen Friedrichshagen kommen. Das gestaltet sich indes als schwierig: Schon an der ersten Wendemarke des auf dem etwa fünf Quadratkilometer großen Binnensee ausgelegten Dreiecks erschallen laute "Raum"- Rufe, das Privileg, als erster die Regattamarkierung runden zu dürfen, ist hart umkämpft.

Was sich für ambitionierte Wettfahrer wie Regatta- Alltag liest, war vor zwanzig Jahren alles andere als eine unpolitische Freizeitgestaltung; die Teilnahme an Auslandsregatten konnte für Aktive aus der ehemaligen DDR zu Repressalien von einer mehrjährigen Regattasperre bis hin zum Ausschluss aus dem damaligen Bund Deutscher Segler der DDR führen.

Beispiel Macha- See bei Ceska Lipa (Böhmisch Leipa) im Jahre 1987: 51 Olympiajollen- Segler aus dem ehemaligen West- und Ostberlin, aus Westdeutschland, Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und der gastgebenden Ex- CSSR treffen sich in der ehemaligen CSSR, um im sportlich fairen Wettkampf "auf Augenhöhe" die Kräfte zu messen.

Einer der Ostberliner, die noch zu Zeiten des Kalten Krieges und der Selbstabschirmung der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik durch die Mauer an diesen denkwürdigen, konspirativen Regatten im Nordwesten der Republik Tschechien teilgenommen hat, ist der heute 74jährige Lutz Rackow aus Friedrichshagen im Südosten der Bundeshauptstadt. Zusammen mit den Ostberliner Segelfreunden Wilfried Lippert, Jürgen albrecht und Meinhard Schrot machte er sich, die zehn Quadratmeter Segelfläche tragende und nur fünf Meter über Alles lange Jolle auf dem Trailer, 1987 bzw. 1989 mit dem Pkw auf den etwa 300 Kilometer langen Weg von Berlin über Dresden und Decin nach Ceska Lipa und von dort schließlich an den nahe gelegenen Macha- See.

Was veranlasste die in den Siebzigern und Achtzigern überaus erfolgreichen Wassersportler dazu, entgegen strenger Verbote der damaligen sportpolitischen Behören in Ostberlin, den Kontakt zu O- Jollenseglern aus dem sogenannten "Nichtsozialistischen Wirtschaftsraum" zu suchen?

"O- Jollensegler aus dem Westen "zum Anfassen" - das war für uns schon was Besonderes", beschreibt Lutz Rackow seinen damaligen Wunsch, neben den seglerischen Fähigkeiten auf dem Wasser auch das Material vergleichen zu können - und um persönliche Kontakte zu knüpfen. "Die Zwangstrennung des Deutschen Segelsports durch die ehemaligen DDR- Behörden empfanden wir damals als Eingriff in unsere Persönlichkeitsrechte", sagt Rackow heute, "aus diesem Grunde wurde den Verantwortlichen bei jeder passender Gelegenheit ein Schnippchen geschlagen", so der passionierte Segler, der bereits seit 1948 Regatten bestreitet: Anfangs darf er die Fockschot bei Segellegende und Yachtkonstrukteur Reinhard Drewitz bedienen, später fährt der studierte Wirtschaftswissenschaftler erfolgreich im Piraten, und 1958 darf er stolz eine O- Jolle aus dem ehemaligen volkseigenen Betrieb Yachtwerft Berlin sein Eigen nennen.

"Konspirative Seglertreffen zu Zeiten des Kalten Krieges Ende der 70er Jahre gab es auch bei den Brettseglern" (so hießen in der ehemaligen DDR die Windsurfer, d. Red.), "die fuhren etwa konspirativ in Polen um die Wette", sagt André Keil, Buchautor zur Geschichte des DDR- Segelsports und selbst ehemaliger Leistungssegler aus Schwerin. "Die Surfer aus der ehemaligen DDR mussten sich mit dem Gewinnen allerdings zurückhalten, weil sie sonst auf Listen aufgetaucht wären", erinnert sich Keil, und das sei gefährlich für die Aktiven gewesen, denn Auslandssegeln sei in der ehemaligen DDR nur den drei Förderstufen im Leistungssegeln vorbehalten gewesen, "alle anderen sollten behördlicherseits nicht im Ausland segeln", so Keil. Auch von der Piratenklasse sei bekannt, dass ähnliche, als "Urlaubsfahrten" getarnte, verschwörerische Regattaserien etwa auf dem ungarischen Plattensee abgehalten wurden, sagt Keil.

Das Verschwörertum führte bei Seglern aus dem ehemaligen Ostteil Berlins teilweise sogar zur Verwendung falscher Namen: unter dem Decknamen Lutz Peter meldete Rackow etwa 1989 für die Teilnahme an der vom SC 03 abgehaltenen Berliner Meisterschaften der O- Jollen auf dem Westberliner Wannsee; seine Segelkameraden Wilfried Lippert (Deckname "Karl Hofer" - von dessen Wohnort Karolinenhof) und Jürgen Albrecht (fuhr unter dem falschen Namen "Oskar Schmöwitz" - denn in Schmöckwitz segelt Albrecht damals wie heute; "Oskar" war der Name seines Bootes) taten es ihm gleich. Auch als Friedrich Hagen (stand für seinen Geburts- und lebenslangen Wohnort) ist Rackow auf West- Meldelisten in der O- Jollenklasse zu finden.

Grund: Das "Auslandssegeln" ohne die damals nötige Starterlaubnis durch den Bund Deutscher Segler der ehemaligen DDR sei nicht ungefährlich gewesen, "hätten die Ost- Segelbehörden herausgefunden, dass wir im Westen segeln, hätte das Konsequenzen für unsere Segelkarriere haben können", sagt O- Jollensegler Albrecht.

Decknamen waren hingegen in der damaligen CSSR nicht nötig: "Wir Ostberliner Segler taten so, als wollten wir nur zum Urlaub an den Macha- See fahren; kein Wort zu Außenstehenden von den geplanten Treffen mit West- Seglern oder gar dem Vorhaben, gemeinsam eine Regattaserie zu bestreiten", beschreibt Rackow rückblickend die Vorsichtsmaßnahmen gegenüber den Behördenvertretern der ehemaligen DDR bei der Grenzpassage in das südöstliche Nachbarland; "um nicht aufzufallen, einigen wir uns außerdem darauf, zu unterschiedlichen Zeiten verschiedene Grenzübergänge zu benutzen", so der heute selbst schon als Legende geltende Segler, der O- Jollenmeisterschaften vor dem Mauerbau aktiv noch als offizielle gesamtdeutsche Veranstaltungen erleben durfte.

Außerdem habe damit gerechnet werden müssen, dass Mitarbeiter der ehemaligen DDR- Staatssicherheit auf das Treffen aufmerksam werden konnten, deshalb sei auf dem gleich nördlich des beschaulichen Ortes Doksy gelegenen Machovo Jezero - so die tschechische Bezeichnung des Macha- Sees - "offiziell" lediglich Freizeitsegeln betrieben worden; "dass dann plötzlich doch ein paar Bojen auf dem See schwammen, und sich zu einer bestimmten, heimlich verabredeten Zeit alle Boote an einer Startlinie trafen, und schließlich auch ein Startsignal ertönte, war "reiner Zufall", sagt Rackow.

Bei den Treffen habe man sich davon überzeugen können, dass Hauptabmessungen und Material der Olympiajollen in Ost und West durchaus "kompatibel" waren, allerdings habe bei den Segeln schon wegen der Materialverfügbarkeit ein deutliches Qualitätsgefälle von West nach Ost bestanden, so Rackow; schließlich habe es wegen damals noch nicht beherrschter Fertigungstoleranzen in der ehemaligen DDR auch bei den Masten große Unterschiede gegeben. Trimmbare, also einfach zu verstellende Wanten (so bezeichnen Segler Drahttauwerk zur seitlichen Verspannung des Mastes) mit eindeutigen Vorwind- Vorteilen seien nach Ostreglement schlichtweg unzulässig gewesen, so der heute 74jährige Segler.

Zwanzig Jahre nach dem ersten der zu DDR- Zeiten konspirativ durchgeführten Treffen der Ost- und Westsegler auf dem kleinen tschechischen Macha- See, ist längst wieder zusammengewachsen, was zusammengehört: Im Jahre 2007 ziehen Seit an Seite die nur 15 Zentimeter tiefgehenden Gleiter (mit Schwert 1,10 Meter) rauschend ihre Bahnen durchs Berliner Nass, egal, ob auf Wannsee oder Unterhavel im ehemaligen Westteil Berlins oder auf Müggelsee, Dahme oder Zeuthener See im Osten der auch für Wassersportler nun wieder eins gewordenen Segler- Hauptstadt Berlin.
Informationen zur Olympia- Jolle, kurz "O- Jolle" genannt: Die zunächst aus Voll- oder Sperrholz gebaute, heute zumeist aus Voll- GfK (glasfaserverstärkter Kunststoff) oder in Sandwichbauweise (das ist ein GfK- Rumpf mit Holzdeck) gefertigte Zehnquadratmeter- Einmannjolle wurde 1935 von Hans Stauch für die Segelolympiade im Jahre 1936 konstruiert; danach nationale Klasse des Deutschen Seglerverbandes. Etwa 300 bis 350 regattaklare O- Jollen gibt es derzeit in Deutschland, Verbreitung fand das kleine Schwertboot außerdem in Holland, der Schweiz, Österreich und in Tschechien (unter anderem auf dem Macha- See). Die deutsche Klassenvereinigung im Internet: www.olympiajolle.de. Der Preis für eine neue (segelfertige und regattataugliche) O- Jolle beträgt ab 17.000 Euro, für ein in Sandwichbauweise gefertigtes Boot werden bis zu 25.000 Euro fällig).

Eine Bitte in "eigener Sache": Habt Ihr/ haben Sie ähnliches erlebt, vielleicht auf der Ostsee? Lasst es uns/ die Leser wissen. Danke.

Foto: © L. Rackow/ Repro: www.nass-press.de.


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